Phraseologismen in Spielfilmen und auf Filmplakaten - Eine empirische Untersuchung anhand ausgewählter Beispiele

von Kathrin Nehm und Tim Fischer, April 2006

4. Phraseologismen in Filmreihen

4.1 Der Begriff des „Autorphraseologismus“

„Innerhalb eines Textes kann ein polylexikalischer Ausdruck zu einer festen Wendung werden, die nur innerhalb dieses Textes ihren konkreten Sinn hat“ (Burger 2003: 47).

Solche Ausdrücke, die an ein bestimmtes Werk gebunden sind, bezeichnet man, da sie gewissermaßen von einem Autor „geschaffen“ wurden, auch als Autorphraseologismen. „Sie müssen nicht Variationen vorhandener Phraseologismen darstellen, und ihre Phraseologismus-Eigenschaft muß auch nicht durch eine charakteristische Struktur […] 'gestützt‘ werden“ (Fleischer 1997: 66). In der Regel entwickeln sie sich „entweder mit der Entfaltung des Werkes zum Phraseologismus, oder sie werden gleich zu Beginn als Phraseologismus 'eingeführt‘“ (ebd.).

Dieses Phänomen findet sich aber nicht nur in literarischen Texten wieder, sondern kommt auch in einzelnen Filmen, in Fernsehserien – häufig in Form von „Running Gags“ – und vor allem in Filmreihen vor, so dass der Begriff hier in einem erweiterten Verständnis verwendet wird und eben diese „Textsorten“ mit einbezieht.
Autorphraseologismen sind somit also von einem (Drehbuch)autor entwickelte Wendungen oder Wortverbindungen, die in genau dieser Form innerhalb des literarischen oder filmischen Werkes immer wieder auftauchen und dort dann auch als feststehende Wendung erkannt werden. Außerhalb des Werkkontextes können sie aber nicht unbedingt verwendet werden: Für jemanden, der die Ursprungsquelle, also das Werk oder die Filmreihe, aus der der Autorphraseologismus stammt, nicht kennt, hätte die Wortverbindung womöglich keine konkrete Bedeutung und würde unter Umständen auch nicht als Phraseologismus erkannt werden.

4.2 Analyse spezieller Autorphraseologismen aus ausgewählten Filmreihen

Als Einstieg in die Analyse von Autorphraseologismen soll ein relativ bekannter Ausspruch aus der Star Wars-Reihe betrachtet werden:

Innerhalb des Star Wars-Universums wird der Satz als Verabschiedungsfloskel beziehungsweise Routineformel im Sinne von „Viel Glück!“ oder „Hals- und Beinbruch!“ verwendet und lässt sich somit den kommunikativen Phraseologismen zuordnen. Obwohl die Bedeutung und die kommunikative Funktion dieses Satzes nie explizit erklärt werden, erschließen sie sich dem Zuschauer dennoch bereits bei der Einführung des Ausdrucks in Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung (1977) aus dem Kommunikationskontext heraus. Durch die mehrfache Erwähnung in den fünf weiteren Episoden etabliert sich „Möge die Macht mit dir sein!“ zu einer festen Wendung innerhalb der Star Wars-Reihe, die darin auch jederzeit als solche wiedererkannt wird.

Darüber hinaus kann der Ausspruch auch mit grammatischer Variation einer bestimmten Komponente verwendet werden, nämlich dann, wenn er gleichzeitig an mehrere Adressaten gerichtet ist:

Während beim Personalpronomen eine Änderung im Numerus möglich ist (Singular: dir -> Plural: euch), können andere Komponenten des Phraseologismus jedoch nicht einfach variiert werden, und es ist auch keine Verneinung des Ausdrucks im Sinne eines „Fluchs“ vorstellbar:

Ein weiterer recht bekannter Autorphraseologismus stammt aus der James Bond-Reihe:

In dieser Form ist der Phraseologismus voll satzwertig, kann aber auch verkürzt als Antwort auf eine Frage verwendet werden:

Ebenso wie „Möge die Macht mit dir sein!“ zeichnet sich auch „Mein Name ist Bond, James Bond.“ durch ein hohes Maß an Festigkeit aus. Sobald es zu einer Szene kommt, in der sich die Figur vorstellen muss, wird beim Zuschauer automatisch eine bestimmte Erwartungshaltung erzeugt, denn als „Kenner“ der Filmreihe weiß er, dass nun gleich genau dieser Satz zu hören sein wird. Die Figur könnte sich also nicht mit einem der folgenden Sätze vorstellen, da man sonst sofort irritiert wäre:


Mit dem folgenden Phraseologismus aus den James Bond-Filmen verhält es sich ebenso. Auch er ist innerhalb der Filmreihe nur in genau dieser Variante möglich:

Der Zuschauer erwartet von der Figur, dass sie genau diesen Wortlaut verwendet, wenn sie sich das Getränk bestellt. James Bond könnte also nicht sagen:

Der nächste Autorphraseologismus, der hier betrachtet werden soll, hat seinen Ursprung in der Fernsehserie Mission: Impossible, die in Deutschland unter dem Titel Kobra, übernehmen Sie! (1966-1973) und in der Neuauflage unter dem Titel In geheimer Mission (1988-1990) lief. In jeder Episode der Serie bekommt ein Agent (in der Regel Jim Phelps) seinen Auftrag über eine Tonbandaufnahme beziehungsweise über eine Disk mitgeteilt, welche sich automatisch selbst vernichtet, sobald der Agent die darauf enthaltenen Informationen zur Kenntnis genommen hat. In jeder Folge ist somit folgender Satz zu hören:

In den beiden auf der Serie basierenden Kinofilmen Mission: Impossible (1996) und Mission: Impossible 2 (2000) lautet der Satz wie folgt:

Bestimmte Komponenten des Phraseologismus können hier also variiert werden (Band -> Disk -> Nachricht oder in -> innerhalb von), ohne dass sich die Gesamtbedeutung ändert, während andere Elemente nicht einfach abgeändert werden können:

Abschließend folgt noch ein etwas weniger bekannter Phraseologismus aus der Zurück in die Zukunft-Reihe:

In der Filmreihe richtet Marty McFly diese Äußerung immer beiläufig an Dr. Emmett Brown, und der Satz ist in folgender Lesart zu verstehen: „Sie sind hier der Doktor, Emmett, also wird das schon stimmen, was Sie sagen!“ Marty will damit ausdrücken, dass Emmett ja einen Doktortitel trägt, und somit „Ahnung“ haben muss. Er vertraut ihm daher, wenn er rgendetwas sagt. Das erste Doc ist hier also als Abkürzung für den Titel zu verstehen und das zweite Doc als Anrede. Auch erwartet man als Zuschauer jedes Mal, wenn Marty „Sie sind der Doc“ sagt, dass das zweite Doc noch folgt. Es kann also nicht weggelassen werden: